Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on email

Hanna springt

Anmerkung: Seit ich die Geschichte Hanna springt geschrieben habe, warte ich darauf, sie Dir vorzustellen. Schön, dass Du da bist!

- Anfang -

Neuneinhalb Jahre war es her, dass das große Glück Hanna und ihre Familie mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu hundertzweiundzwanzig Millionen getroffen hatte. Mama hatte buchstäblich das große Los gezogen. Der Jackpot war zig Millionen Euro schwer gewesen und hatte ihren Kontostand um mehrere Stellen vor dem Komma erweitert. Nun hatte Hannas Familie so viel wie noch nie und dabei weniger als je zuvor.

Hanna lag bäuchlings am Ende des Stegs und blickte hinunter auf den See. Die Wasseroberfläche war schwarz wie der Nachthimmel über ihr, nur dass die Sterne sich auf ihr kräuselten. Oben im Haus war die Party in vollem Gang. Hanna hatte sich davongeschlichen, sobald alle genug in Stimmung waren, um keinen Wert mehr darauf zu legen, dass es eigentlich ihre Party war. Hier unten war die Musik dumpfer. Nur die Bässe ließen die Nachtluft vibrieren, untermalten Rufe und schrilles Gelächter.

Davon abgesehen war es still.

Hanna starrte hinunter auf die dunkle Wasseroberfläche. Dort wiegte sich ihr Spiegelbild im Takt winziger Wellen und blickte düster zu ihr hoch. Der Mond über ihrer Schulter sah größer aus als sonst, blass und trostlos – einsam, irgendwie.

Hanna konnte das Nachfühlen. Nüchtern betrachtet war das Weltall unendlich groß, was bedeutete, dass alles in ihm unendlich klein und unbedeutend war.

 

»Hallo Hanna«, sagte der Mond.

Hanna runzelte überrascht die Stirn. Sie hatte weder getrunken noch war sie verrückt. Soweit man das selbst feststellen konnte. »Du kannst nicht reden«, sagte sie deshalb zum Mond.

Wellen glitten durch sein Spiegelbild, feine silbern tanzende Linien. »Ist es dir lieber, wenn ich es nicht tue?«, fragte er.

Hanna zuckte mit den Schultern. Offensichtlich konnte der Mond doch reden. »Schon okay. Was gibt’s?«

»Du siehst traurig aus«, sagte der Mond.

»Ich bin nicht traurig«, sagte Hanna und schob den Gedanken zur Seite, dass der Mond in Wahrheit nichts weiter als ein astronomisch großes Staubkorn im Sonnenlicht war. »Eigentlich bin ich sogar wie du. Einsam, umgeben von Nichts und so gut wie tot.«

Der Mond schwieg. »Man kann nicht so gut wie tot sein«, sagte er nach einer Weile. »Man ist es oder man ist es nicht. Von hier siehst du recht lebendig aus.«

Hanna zog die rechte Hand unter ihrem Kinn hervor, drehte und betrachtete sie abwesend im Mondlicht. »Du denkst, ich lebe, weil ich das da bin«, sagte sie und wedelte mit der Hand. »Nur bin ich das gar nicht wirklich, zumindest nicht so, wie es aussieht. In Echt ist mein Körper ein leerer Raum, in dem in unglaublichen Entfernungen zueinander winzige Atomkerne stecken, weiter voneinander entfernt als Planeten im All. Und dazwischen ist Nichts.« Hanna lachte freudlos. »Würde man das Nichts weglassen wär ich quasi unsichtbar. Und du hättest auf einem Teelöffel Platz.«

»Wie tiefgründig.« Ein dünner Wolkenfaden kratzte am Rand des Mondes. »Aber auch wenn du fast nichts bist, heißt das noch lange nicht, dass du gar nichts bist. Immerhin bist du Etwas und deshalb lebst du.«

»Weißt du«, sagte Hanna, »mir ist auch erst mit der Zeit klar geworden, dass das ein ein großes Missverständnis ist. Nur weil etwas ist, heißt das noch lange nicht, dass es lebt. Existenz ist einfach nur Hülle, verstehst du? Und Hülle ohne Inhalt ist tot.«

»Eben«, warf der Mond ein. »Du bist ja da drin in deiner Hülle. Du bewegst deinen Körper und machst Sachen. Du lebst.«

Hanna schüttelte den Kopf. »Du verstehst es nicht«, sagte Hanna. »Lebendigkeit ist kein Entweder-Oder. Lebendigkeit ist, wie man sich fühlt. Ohne sie ist es egal, ob du existierst oder nicht. Deshalb kann ich so gut wie tot sein.«

Der Mond schwieg.

Hanna senkte den Blick, starrte hinunter auf die schwarze Wasseroberfläche. Oben johlten die Partygäste. Irgendjemand zerbrach ein Glas, es folgte kreischendes Lachen, vom Alkohol oktaviert.

Hanna war zurückgekehrt, um all dem noch eine Chance zu geben, anders zu sein. Es wäre nicht nötig gewesen.

 

Hanna drückte sich hoch in eine kniende Position. Weiter drüben am Steg war das Ruderboot festgemacht. Sie hatte es mit Papa gestrichen, damals, vor dem ›großen Glück‹, als es noch mehr als Hülle in ihrem Leben gegeben hatte. Papa musste es rausgeholt haben, vielleicht aus Nostalgie, weil Hanna wieder da war. Hinter dem moosgrünen Holzboot wirkten die Motorboote ihrer Brüder wie Raumschiffe aus Star Wars. Hanna stand auf und ging hinüber. Ihre Tasche ließ sie liegen.

Es plätscherte, als sie ins Boot stieg. Zwei Handgriffe und das Boot war losgemacht. Ein, zwei, drei Ruderschläge, und sie glitt hinaus auf den See.

»Du ruderst gut«, sagte der Mond.

Hanna nickte. »Papa hat es mir beigebracht. Bevor wir aufgehört haben, Dinge selbst zu machen.« Bevor Geld keine Rolle mehr gespielt hatte.

Sie ruderte weiter, und jeder Ruderschlag verdrängte die Musik und das Gelächter ein bisschen mehr. Noch ein Ruderschlag, noch einer. Irgendwann blieb nur mehr Stille über. Hanna holte die Ruder ein und ließ sich treiben. Das Plätschern wurde leiser, bis das Boot zum Stillstand kam. Das Haus war ein Lichtpunkt am schwarzen Hang.

Hier draußen am See war alles klarer. Kein Lärm, der die Geräusche des Sees verschmutzte. Keine Lichter, die den Blick in den Himmel trübten. Rundum war alles leer. Unter Hanna ruhte fünfzig Meter tief das Wasser und über ihr wölbte sich der Raum.

Eine Gänsehaut überzog Hannas Arme. Der kühle Dunst des Sees prickelte auf ihrer Haut, frisch und feucht. Zu frisch für ein Partykleid.

 

Hanna legte den Kopf in den Nacken und studierte den Mond. Er war mit Kratern übersät, das wusste sie, und die stammten von Kometen, die trotz der geringen Wahrscheinlichkeit auf ein Hindernis im unendlichen Raum gekracht waren.

»Das Universum expandiert«, sagte Hanna. »Der Raum, in dem wir treiben, er breitet sich aus und aus und aus. Unendlich schnell, aber sein Inhalt bleibt der gleiche. Und die Materie löst sich auf und auf und auf und irgendwann hat jedes existierende Atom eine Unendlichkeit für sich allein. Das ist wie bei uns Menschen. Wir sehnen uns nach einander, nach Freundschaft, Loyalität. Wir sitzen am selben Tisch und unser Sehnen ist das Selbe und jeder spürt die Leere und trotzdem haben wir aufgehört, miteinander zu reden, weil alles gesagt ist. Der Abstand zwischen uns wird immer größer. Wir driften und am Ende ist jeder allein.«

»Du musst etwas dagegen tun«, sagte der Mond. »Du musst es aufhalten.«

Hanna schüttelte den Kopf. »Es lässt sich nicht aufhalten«, sagte sie nüchtern. »Wir vereinsamen, obwohl wir so vernetzt sind wie noch nie. Obwohl es keine unerreichbaren Orte mehr gibt. Obwohl wir so viele sind wie noch nie. Wir, als Menschheit, als Gesamtes, wir liegen im Sterben, verstehst du? Die Einsamkeit tötet uns alle und ich schau zu, wie wir zugrunde gehen, einer nach dem anderen. Zuerst die, die viel haben. Mama und Papa können sich nicht dagegen wehren. Das Geld macht sie kaputt und sie sagen ›das große Glück‹ dazu. Ich sag’ es ihnen nicht mehr. Es bringt nichts.«

»Das ist traurig«, sagte der Mond.

Hanna nickte.

»Und jetzt«, fragte der Mond. »Wie geht es weiter?«

Hanna zuckte mit den Achseln. »Es gibt kein Entkommen. Besitz ist die eine Droge, die schon beim ersten Hinschauen süchtig macht. Alle wollen sie, kaum jemand kann sie sich leisten. Trotzdem sind wir alle Junkies. Wir schaufeln uns unser eigenes Grab und das unserer Kinder, solange wir uns dafür einen Schuss verpassen können.«

»Und dann?«, fragte der Mond.

»Dann sind wir tot«, sagte Hanna. »Tote auf zwei Beinen, umgeben von vielem, aber gefüllt mit Leere. Gut gekleidete Zombies, die lachen und feiern und sich einreden, das wäre Glück – und wir hoffen, ganz zu sterben, bevor wir einsehen, wie falsch wir liegen. Der Wohlstand betäubt unsere Schutzreflexe, egal ob wir ihn haben oder nur davon träumen, verstehst du? Wir sind so gut wie tot. Und wenn wir es irgendwann ganz sind, dann haben wir alles andere mit uns mitgerissen.«

 

Unweit von Hanna platschte es. Die Fische liebten das Mondlicht. Das Geräusch breitete sich auf der Wasseroberfläche aus und verebbte.

Hanna schloss die Augen, inhalierte die Stille.

»Stell dir die Erde ohne Menschen vor.« Bei diesem Gedanken musste sie lächeln. »Ungebändigte Natur, eine Explosion der Artenvielfalt, ein Planet voller Leben.«

Hanna öffnete die Augen. Sie stand auf, stieg auf die Ruderbank und balancierte dort mit ausgestreckten Armen. Sie empfand Frieden. »Wir haben alle Grenzen gesprengt«, sagte sie leise. »Und wir werden nicht aufhören, zu zerstören, bis nichts mehr zerstört werden kann.«

»Hanna«, sagte der Mond. »Ich…«

Hanna holte tief Luft und sprang. Der See war kalt wie ein Wintertag, kein Wunder, er wurde von Gletschern gespeist. Hanna zitterte augenblicklich, ihre Lungen schrieen, ihre Reflexe kreischten. Doch sie zwang sich, loszulassen. Mit aller Macht.

In ihr war es warm.

Zeitlosigkeit umfing sie.

Während sie langsam abwärts trieb, sah sie sich selbst, aus dritter Perspektive. Schwebend im fahlen Mondlicht, ihr Kleid eine Wolke aus weißgrauem Tüll. Treibend. Sinkend – abwärts verschwindend, neben einer Schneise aus Schatten, die das Ruderboot herunterwarf.

Während sie langsam abwärts trieb, sah Hanna hoch zum Mond. Milchweiß war er und sein Lächeln war tröstlich.

Sonderbar. Schwerefrei.

Schwebelos.

 

»Eine Frage habe ich noch«, sagte Hanna. »Kannst du wirklich reden? Oder bin ich verrückt?«

Der Mond strahlte. »Von uns beiden bist du die Verrückte«, sagte er sanft. »Ich bin es nicht, der glaubt, dass man Probleme mit Sterben löst.«

 

Hanna schluckte Wasser. Urplötzlich hatte sie Angst.

»Aber es ist unlösbar«, rief sie. Panik erfasste sie. »Unlösbar, siehst du das nicht? Wir sind nicht mehr zu retten! Wir! Sind! ALLE! TOT!«

»Du bist nicht tot«, sagte der Mond. »Und wo etwas lebt, gibt es Hoffnung.«

Hanna weinte haltlos. Traurigkeit schüttelte sie, beutelte sie, warf sie hin und her.

Sie war allein und das Wasser war eisig und ihr Körper krampfte und zuckte.

»Ich will nicht mehr kämpfen«, wisperte sie.

»Doch«, sagte der Mond und seine Stimme war voll Ehrfurcht. »Und das weißt du genau so gut wie ich.«

Hanna wusste es.

Das Leben durchfuhr sie mit einem gewaltigen Schlag. Pure Energie flutete ihre Muskeln, rohe Kraft entlud sich, explodierte.

Hanna schoß nach oben. In ihrem Gesichtsfeld zuckten Blitze, immer heller, das Boot über ihr drehte sich um alle Achsen, steuern war zwecklos, Hanna flog nach oben, unkontrolliert. Die Zeitlosigkeit implodierte, komprimierte alles zu einem einzigen Augenblick. Das Wasser dröhnte, Hell und Dunkel flimmerten wie Wetterleuchten, doch das Boot …

… das Boot war so weit weg. Viel zu weit.

Es reichte nicht.

 

Papa saß am Bettrand und hielt ihre Hand und sein Blick war zum ersten Mal seit Jahren klar. Ehrlich. Mama hatte den Was-hast-du-dir-dabei-nur-gedacht-Blick aufgesetzt, doch als Hanna sie ansah, schaute sie weg und weinte. Sie alle waren Wracks, seit Jahren schon. Nun war es sichtbar, gnadenlos unbeschönigt.

»Seht ihr es?«, röchelte Hanna. »Seht ihr jetzt endlich, was aus uns geworden ist?« Sie hustete. Es hörte sich schrecklich an.

»Keine Sorge«, sagte Papa tapfer. »Wir kriegen das hin. Wir haben die besten Ärzte, du kriegst die beste Unterstützung. Die besten Experten, die es gibt.«

»Wir tun alles, damit wir dich fit kriegen«, sagte Mama und strich Hanna über die Stirn.

»Alles, ja?«, fragte Hanna. »Dann geht. Kommt wieder, wenn das Geld weg ist, mir egal wo. Wir fangen neu an. Bei Null. Und wir leben, statt tot zu sein.«

Papa und Mama wechselten einen besorgten Blick.

»Keine Sorge, Schatz.«

Mama strich ihr durch die Haare, Papa lächelte verkrampft.

»Wir kriegen das hin«, sagte er und drückte ihre Hand.

»Wir kriegen das hin.«

- ENDE -
Hat Dich die Geschichte berührt? Erzähl es weiter!
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on email

Wir prägen so lange unsere Gewohnheiten, bis unsere Gewohnheiten uns prägen. Weil wir uns nach Sicherheit sehnen – die uns unsere Gewohnheiten bieten, indem sie sich nicht verändern, sondern immer gleich ablaufen. Im Gegensatz zu ihren Eltern hat Hanna das erkannt, und sie will den Stillstand durchbrechen. Wird es ihr gelingen?

Hier geht’s zur Fortsetzung: Hanna kämpft (Teil 2)

Bei neuen Geschichten benachrichtigt werden?

Ein Leuchtsignal

Trage Dich ein und erfahre, wenn es neue Geschichten zu lesen gibt! Du kannst Dich jederzeit wieder abmelden.
Sender.net email marketing