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Im Fokus

Meine 14. Geschichte über den Meister und seine Schüler handelt von Weltall, Weisheit und Wissen – und dem eigenen Horizont.

- Anfang -

Zur Betrachtung der Vorgänge im Weltall hatte der Meister ein Teleskop errichten lassen. Nächtliche Beobachtungen der Himmelskörper hatten es seinen Schülern schon immer angetan und waren stets der Ausgangspunkt lebhafter Diskussionen aller Art.

Auch der Meister war ein Freund des Nachthimmels. Zu seinen Bekannten gehörte ein Kreis von Gelehrten, mit denen er sich schriftlich über verschiedenste Entdeckungen austauschte. Von ihnen hatte er die Nachricht erhalten, dass wieder einmal ein besonderes Naturschauspiel bevorstand. Aus diesem Grund hatte er seine Schülerschar auf dem flachen Dach des Studienraums versammelt und die Abdeckung gelüftet. Einer nach dem anderen blickte durch das Teleskop und versuchte, den Beschreibungen des Meisters folgend, verschiedene Gestirne im All auszumachen. Das Staunen war groß, als einer von ihnen den Jupiter in seiner roten Pracht vor die Linse bekam.

»Wahnsinn«, rief er aus. »Das ist ja unglaublich! Ich habe mir aus Euren Erzählungen zwar ein Bild über diesen Planeten gemacht, aber dass er in dieser Farbenpracht strahlt und solch ein Spektakel abgibt, hätte ich nicht gedacht.«

Unruhig traten die anderen von einem Fuß auf den anderen. Sie alle hätten liebend gern den Sitzplatz an der Spiegelkonstruktion eingenommen. Doch der Schüler machte keine Anstalten, diesen aufzugeben. Nicht einmal eine Ermahnung des Meisters konnte ihn davon abbringen, die Apparatur in einem fort herumzuschwenken und über das zu plappern, was er sah.

»Nun gut«, sagte der Meister gelassen und trat zu seinen anderen Schülern. »Dann wollen wir unsere Wartezeit eben damit verbringen, uns über den persönlichen Blickwinkel zu unterhalten.«

Die Schüler murrten, aber sie hörten zu.

»Was ist Weisheit?«, fragte der Meister und schmunzelte angesichts der verblüfften Gesichter. Unter den Schülern war dies eine heiß diskutierte Frage. Doch bisher hatte sich der Meister über die Antwort stets ausgeschwiegen.

»Weisheit ist großes Wissen, sinnvoll eingesetzt«, sagte ein Schüler.

»Weise ist, vorausschauend zu handeln«, sagte ein anderer.

»Weisheit ist Lebenserfahrung und innere Reife«, sagte ein dritter.

Der Meister war mit keiner der Antworten recht zufrieden. »Aus gegebenem Anlass«, er deutete auf den Schüler, der immer noch den Himmel nach Sehenswertem absuchte, »nehmen wir die Astronomie als Beispiel. Kundigen Astronomen wird oft große Weisheit nachgesagt. Doch was ist denn eigentlich die größte Schwachstelle des Astronomen?«, fragte er die Versammelten. Keiner wusste es so recht.

»Es ist sein Fernglas«, sagte der Meister. Er zog einen Beutel mit Nüssen und getrockneten Früchten aus der Umhangtasche und verteilte diese. Nur der Sternenbeobachter ging leer aus, was milde Genugtuung hervorrief. Der Meister fuhr ungerührt fort: »Das Weltall ist riesig und je stärker das Fernglas vergrößert, desto weniger sieht man das Gesamte.«

Der Beutel mit den Früchten machte eine weitere Runde.

»Also hat Weisheit gar nichts mit Wissen zu tun?«, fragte einer der Schüler.

»Nein«, sagte der Meister und lachte. »Rein gar nichts.«

Der Schüler dachte intensiv nach. »Weisheit bedeutet also, stets seinen Blickwinkel zu erweitern«, sagte er langsam, schaute den Meister fragend an und kaute an seiner Birnenspalte.

»Genauso und nicht anders ist es!«, rief der Meister. »Wahre Weisheit ist sich niemals selbst genug. Dein Denken, dein Blick auf das Leben ist dein ganz persönliches Fernglas. Du kannst dich damit von deinem Blickwinkel aus ganz gut orientieren. Aber niemals…«

»…ist es alles«, ergänzte der Schüler.

Der Meister nickte. »Den Blickwinkel des Nächsten miteinzubeziehen ist keine Schwäche. Nur wer das Fernglas dann und wann sinken lässt, kann erkennen, worauf er es eigentlich richten sollte.«

Die Schüler folgten seinem Blick. Hinter ihnen zogen Sternschnuppen um Sternschnuppen über das Firmament. Und für alle bis auf einen hatte zumindest an diesem Abend Weisheit sehr viel damit zu tun, an der Kante des Dachs die Füße baumeln zu lassen, süße Trockenfrüchte zu essen und den Sternschnuppen zuzuschauen.

- ENDE -
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Geschichten über den Meister und seine Schüler zu schreiben, ist etwas ganz besonderes für mich. Zum einen macht es wirklich Spaß, zum anderen setze ich dabei hohe Ansprüche an mich selbst. Schließlich ist der Meister ein weiser und herzlicher Mensch, und um seine Aussagen auf den Punkt zu bringen, muss ich mich selbst ganz kritisch betrachten. Ich will ja, dass die Geschichte weiterhilft – nicht, dass sie jemanden in die Irre führt…

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